“eine antiautoritäre Alternative, die gemeinsame Sache macht …”

Wir veröffentlichen unseren Redebeitrag, den wir in Wiesbaden anlässlich der dortigen antiautoritären Demo “Her mit dem schönen Leben!” am Vorabend zum 1. Mai 2026 gehalten haben

Antiautoritärer Status quo
Hallo Wiesbaden, wir von der Antifaschistischen Basisgruppe Frankfurt/Offenbach, kurz abg, sind sehr froh, heute Abend hier mit vielen Genoss*innen und Gefährt*innen auf der Straße zu sein. Es ist längst überfällig, dass wir als Antiautoritäre zusammenkommen und nach heute vielleicht auch ein Stück näher zusammenrücken werden. Denn sind wir ehrlich: Die letzten Jahre waren alles andere als von Brückenbau und Handreichen geprägt; als radikale Linke sind wir stark gespalten. Zwischen den unterschiedlichen Strömungen gibt es kaum Kommunikation oder Zusammenarbeit. Es gibt wenig Interesse an produktiven Streits untereinander sowie an kritischer Solidarität, dafür umso mehr an gegenseitiger, oft auch öffentlicher Feindmarkierung. Hinzu kommt, dass  sich auf der eine Seite viele aus jeglicher Praxis verabschiedet haben ohne ihr Wissen und ihre Ressourcen zu vererben und auf der anderen Seite viele, zumeist junge Interessierte, den Weg nicht mehr zu den Offenen Treffen und anderen Anlaufstellen finden, wo sie undogmatisch und selbstbestimmt mit anderen Menschen neue Banden bilden, oder sich alten Banden anschließen können.

Linker Autoritarismus
Stattdessen verfängt der Charme eines linken Autoritarismus, der Abkürzungen auf dem revolutionären Weg verspricht. Wie in der Schule, gibt es in solchen Strukturen zuerst ein wenig Frontalunterricht, Thema: Klassenkampf des vergangenen Jahrhunderts 1zu1 auf heute übertragen. Anschließend geht es ab auf die Straße, um fast jede beliebige Großveranstaltung für die eigenen Rekrutierungszwecke zu vereinnahmen. Egal ob Solidaritätsbekundungen unter dem Motto “Free Maja” oder Gedenkdemonstrationen anlässlich des rassistischen, rechtsterroristischen Anschlags am 19.Februar in Hanau. Hauptsache ganz viele Orgafahnen, die SocialMedia-wirksam im Frontblock geschwenkt werden bis der Kader schon wieder zum nächsten Event aufruft, Thema? Egal! Hauptsache im Trend und mit dem Versprechen, Teil von was Größerem zu sein.

Was wir wollen
Zugegeben, ist das alles ein bisschen zugespitzt und sicher nicht für jeden Zusammenhang, den wir als autoritär labeln, so ganz zutreffend. Aber, mal Spaß beiseite: Wollen wir, als progressive, feministische, antiautoritäre Linke dass solche politischen Ausdrucksformen und Vereinnahmungen auf unseren Veranstaltungen auch nur ansatzweise Platz finden? Wollen wir am Planungstisch mit Kadern sitzen, die patriarchale Strukturen stärken, indem sie Machtdynamiken bewusst ausnutzen und unbewusst reproduzieren? Nein, das wollen wir nicht. Wir wollen stattdessen eine politische Praxis, in der wir unsere eigenen Strukturen so gestalten, dass ihre Abläufe für alle Beteiligten verständlich sind, Legitimität besitzen und zur Selbstregierung vieler Menschen dienen können. Wir müssen lernen, wie wir mehr Menschen ins Projekt einer basisdemokratischen Selbstverwaltung einbinden können. Wir müssen herausfinden, wie wir Frauen, Lesben, inter, nonbinäre, trans und agender Personen, queere Menschen, Schwarze Menschen, migrantisierte Menschen, Menschen mit Behinderung und viele weitere organisieren können, um die menschenfeindlichen Herrschaftsverhältnisse, in denen wir zwar alle leben, aber von denen wir auf verschiedene Weise und in unterschiedlichem Maße betroffen sind, zu bekämpfen. Außerdem müssen wir uns beibringen, was politische Repräsentation bedeutet, wie wir Genoss*innen delegieren und wie wir selbst Delegierte sein können. Eine Bezugi ist toll und anlassbezogen auch das Mittel unserer Wahl im Kampf und in Aktionen gegen Staat und Faschismus. Doch wir denken, dass wir im antikapitalistischen Kampf, der immer mehr auch ein Kampf gegen Autoritarismus wird, Räume, Vernetzungen, Bündnisse und Gruppen brauchen und erhalten müssen und in denen aus Vertrauen Vertrautheit, aus Ahnung Wissen und aus Organisierung Organisation werden kann. 

Autoritarimus von rechtsaußen
Wir sagen seit Jahren mit aller Deutlichkeit und nicht zuletzt vor dem Hintergrund antifaschistischer Recherchen: Wenn wir auf den Rassismus, den Antifeminismus, die Queerfeindlichkeit sowie den sozialdarwinistischen Klassismus der scheiß AfD schauen, dann erkennen wir: die ist nicht nur rechtspopulistisch und autoritär, sondern ultranationalistisch und faschistisch. Und diese Tatsache macht einen qualitativen Unterschied in der Sache und im notwendigen Umgang mit diesem politischen und gesellschaftlichen Zustand. Dazu muss man sagen: Für bestimmte Einzelpersonen und manche Personengruppen ist das schon lange nicht nur ein Zustand, sondern eine Zumutung – nicht nur im Osten, auch hier in Rhein-Main, von Frankfurt und Offenbach bis Wiesbaden und Mainz. Die Ergebnisse der Wahlen in Rheinland-Pfalz zeigen, wie der extrem rechte AfD-Landesverband, dessen gute Verbindungen und Doppelmitgliedschaften in die Nazi-Burschenschaft „Germania Halle zu Mainz“ bekannt sind, Zuwächse verbucht. Auch die hessischen Kommunalwahlen im letzten Monat haben gezeigt, woran wir in unserer unmittelbaren Umgebung schon längst angekommen sind. Die Normalisierung der AfD ist auch, nicht nur, aber auch, unser Versagen als Linke. So gelingt es uns zwar hier und da Feuer zu löschen oder auch mal in die Offensive zu gehen, um andere Widerstand spüren zu lassen oder auch zugegebenermaßen sich selbst, im besten Fall, als selbstwirksam zu spüren. Immer seltener haben wir neben Insta-Videos, die wir uns nach einer Demo gespannt anschauen, dann wirklich etwas, an dem wir nach solchen Momenten ansetzen können.

Erster Mai Frankfurt
Was wir brauchen sind antikapitalistische Perspektiven – und der 1.Mai ist für uns als Genoss*innen dafür eigentlich der wichtigste Kampftag. Aber in Frankfurt reiht sich mittlerweile Jahr für Jahr Vorfall an Vorfall, bei denen wir als emanzipatorische Linke klare Grenzen ziehen. Wir erinnern zB an den Aufruf des 1.Mai-Bündnisses aus dem Jahr 2022, in dem von “Reichen und Mächtigen”, die “Geld ‘raffen'” die Rede war, womit wir nicht nur eine verkürzte und personalisierte Kapitalismusanlyse, sondern auch eine antisemitische Verschwörungserzählung von “Strippenziehern” erzählt bekamen. Und wir erinnern uns an letztes Jahr, als das 1.Mai-Bündnis die bekannt gewordenen Übergriffe im Kommunistischen Aufbau (KA) und der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) nicht zum Anlass nahm, diese auszuschließen, sondern sie in den ersten Reihen mit KA-Fahnen sichtbar Ausdruck des Kampftags der Arbeiter*innen werden ließ. Auch dieses Jahr sind beide Organisationen wieder Teil des Bündnisses, trotz allem. Diese Entwicklung darf nicht geduldet, sondern muss aktiv durchbrochen werden.

… jenseits von antideutscher und antiimperialistischer Polemik
Auch in unseren anti-autoritär organisierten Strukturen sind wir keineswegs frei davon und wir müssen kontinuierlich vergangenes aufarbeiten und gegenwärtiges im Blick behalten. Denn auch wir stehen in einer mackriges Verhalten begünstigenden und in Teilen unreflektierten Tradition und Praxis der radikalen Linken. Also sagen wir kritisch und selbstkritisch, so wie es die stabilen Anarchist*innen letztes Jahr in Frankfurt gerufen haben: “1. Mai – täterfrei!”. Und wir sagen, dass wir eine antiautoritäre Alternative brauchen, die gemeinsame Sache macht – jenseits von antideutscher und antiimperialistischer Polemik –, denn wir können es uns schon lange nicht mehr leisten.

Es ist 5nach12 und die Uhren zeigen 13-12.
Also: Auf die Barrikaden und her mit dem ganzen Leben!